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03.05.2021

Umsätze der Mittelstandsberater: Die Dieselparty ist zu Ende

Für viele mittelständische Kanzleien war die Arbeit für VW im Dieselkomplex das größte Mandat ihrer Geschichte. 2019 erreichte die Sonderkonjunktur für die meisten ihren Höhepunkt, doch 2020 war die Dieselparty zu Ende – dies zeigen die von JUVE recherchierten Umsätze der mittelständischen Kanzleien deutlich. 

Drei Jahre Dieselrausch

Drei Jahre Dieselrausch

Insgesamt 13 Mittelstandsberater haben in den vergangenen drei Jahren VW-Beraterin Freshfields Bruckhaus Deringer bei der Klageabwehr im Dieselkomplex unterstützt. Rund 100.000 Klagen haben Besitzer von Fahrzeugen mit dem VW-Motor EA189 allein in Deutschland eingereicht. Die Mittelstandsberater haben dafür Schriftsätze erstellt und Gerichtstermine wahrgenommen.

Allein 2019 betrug der Dieseleffekt nach JUVE-Berechnungen rund 1 Millionen Euro Umsatz pro 1.000 Verfahren. Im Durchschnitt haben die Kanzleien bis zu 5.000 Verfahren übernommen, größere Einheiten wie Luther oder Heuking Kühn Lüer Wojtek führten noch wesentlich mehr.

Für die meisten VW-Vertreter ist die Arbeit im Dieselmandat 2020 zu Ende gegangen. Gegenüber 2019 sind deren Umsätze oft deutlich gesunken. Das liegt daran, dass die Zahl der Altfälle immer weiter sinkt. Die klägerfreundliche Entscheidung des Bundesgerichtshofs im Mai 2020 hat Volkswagen veranlasst, sich mit Autobesitzern zu vergleichen. Wegen der Corona-Pandemie sind außerdem viele Gerichtstermine geplatzt.

Was von den Strapazen hängen bleibt

VW bezahlte die mittelständischen Helferkanzleien bei der Abwehr der Klagen gegen den EA189-Motor auf Stundensatzbasis. Dass die Erstellung eines Schriftsatzes anfangs über fünf Stunden dauerte, dürfte die Wolfsburger vor dem Hintergrund des seit 2018 exponentiell wachsenden Klageeingangs sicherlich beunruhigt haben. Um die Kosten im Griff zu halten, wurde konsequent optimiert: Zum Ende schafften es alle in weniger als 45 Minuten.

Die Kanzleien haben die Einnahmen aus dem Mandat größtenteils in den Partnerschaften verteilt. Investitionen in EDV-Strukturen sind nach JUVE-Informationen selten gewesen. Die schiere Masse an Klagen, die wöchentlich auf die Kanzleien einprasselten, führten in den Partnerschaften immerhin dazu, dass Systeme wie die digitale Aktenanlage angeschafft oder endlich aktiv genutzt wurden. Worüber sich alle einig sind: Sie wissen nun, wie Masseverfahren geführt werden und haben dafür auch ihre Partnerschaften sensibilisiert. Denn für das größte Mandat der Kanzleigeschichte mussten einige Kanzleien Teile ihrer Tradition aufgeben.

Nachhilfe beim Mandatsmanagement

Dass der finanzielle Rausch irgendwann zu Ende gehen würde, war allen klar und eingepreist. Diejenigen, die das Dieselgeld genutzt haben, um die eigene Digitalisierung voranzutreiben, sind zudem dankbar und geradezu demütig, dass Volkswagen ihnen einen Zeitsprung in die digitale Zukunft finanziert hat. Und die Verantwortlichen sind oft stolz, bei einem der bedeutendsten juristischen Projekte der deutschen Wirtschaftsgeschichte dabei gewesen zu sein.

Auch für Freshfields brachte das Mandat nicht nur einen Geldregen – wie Partner hinter vorgehaltener Hand bestätigen –, sondern auch Nachhilfe bei der Digitalisierung und im Management von Großmandaten.

Wie gut oder wie schlecht sich die Kanzleien geschlagen haben, dazu hält sich Volkswagen bedeckt. Einiges deutet jedoch darauf hin, dass das in Wolfsburg durchaus ein Thema ist. So soll der Konzern Deloitte-Berater damit beauftragt haben, die Performance seiner Dieselkanzleien zumindest einem kritischen zweiten Blick zu unterziehen. (Martin Ströder)

Weitere Hintergründe zu den Umsätzen der Mittelstandsberater finden Sie im aktuellen Rechtsmarkt 05/2021.

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