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07.05.2021

Neckermann-Pleite: Clifford wehrt Klage gegen ehemalige Geschäftsführer ab

Im Prozess zur Pleite des Versandhändlers Neckermann vor fast neun Jahren hat das Landgericht Frankfurt die damaligen Manager und Aufsichtsräte von weiterer Haftung freigestellt. Die Richter wiesen Ansprüche der Insolvenzverwalter Dr. Michael Frege und Joachim Kühne zurück, die rund 19,8 Millionen Euro verlangten (Az. 2-21 O 182/17). Das Urteil ist nicht nur ein erster Befreiungsschlag für die damaligen Manager und Aufsichtsräte – sondern auch für deren frühere Beraterinnen, darunter Wellensiek und Luther.

Peter Burckhardt

Peter Burckhardt

Nach Auffassung des Gerichts haben die Manager im Mai 2012 zu Recht angenommen, dass es noch eine Möglichkeit zur Rettung des Traditionsunternehmens gab. Die umstrittenen Ausgaben bis zum Insolvenzantrag am 18. Juli 2012 seien daher nicht im Nachhinein zu beanstanden.

Die Kammer hat damit auch die ehemaligen Beraterinnen von Geschäftsführung und Aufsichtsrat von Haftungsansprüchen freigestellt: Wellensiek, Shearman & Sterling und Luther. Sie waren als Streitverkündete Teil des Verfahrens. „Die Geschäftsführer haben unter Inanspruchnahme sach- und fachkundiger Expertenhilfe auf die richtige Art und Weise ein plausibles Sanierungskonzept erarbeitet, welches mit sach- und fachkundiger Unterstützung laufend überprüft und angepasst wurde“, so das Gericht. Beigeladen war der D&O-Versicherer AIG.

Ehemalige Neckermann-Berater entlastet

Wellensiek, damals Beraterin der Geschäftsführung in Sanierungsfragen, reagierte entsprechend selbstbewusst: „Mit dem Urteil sind den Insolvenzverwaltern Grenzen aufgezeigt worden. Unbegründete und mit hohem Kostenaufwand verbundene Klagen gehen letztlich zu Lasten der Gläubiger“, sagte Wellensiek-Partner Alfred Hagebusch, damals federführender Partner für Sanierungsfragen. Shearman war für gesellschaftsrechtliche Themen und Luther für das Arbeitsrecht mandatiert.

Außerdem haben die Richter die Klage auch deswegen abgewiesen, weil die Ansprüche gegen die ehemalige Neckermann-Führungsetage verjährt seien. Offenbar waren dem Gericht die einzelnen Forderungen in der Klage zunächst nicht detailliert genug aufgeschlüsselt gewesen.

Rupert Bellinghausen

Rupert Bellinghausen

Die Insolvenzverwalter von CMS Hasche Sigle gehen in ihrer Klage davon aus, dass spätestens am 23. Mai 2012 die Insolvenz hätte angemeldet werden müssen. Damals hatte Neckermann-Eigentümerin Sun Capital ein Konzept der Gewerkschaft Verdi zur Fortführung abgelehnt und ihrerseits Bedingungen für eine weitere Finanzspritze gestellt.

Ganz unerwartet kam die Niederlage für die Klägerseite nicht: Das Gericht hatte schon zu Prozessbeginn 2019 anklingen lassen, dass es die Klage für wenig erfolgsversprechend hält. Die Insolvenzverwalter wollen nun die schriftlichen Urteilsgründe abwarten und dann mit den Gläubigergremien über mögliche weitere Schritte beraten.

Insolvenzverwaltung Neckermann
CMS Hasche Sigle: Dr. Michael Frege (Leipzig), Joachim Kühne, Christian Holzmann (beide Frankfurt)

Vertreter Insolvenzverwalter
Linklaters (Frankfurt): Dr. Rupert Bellinghausen (Konfliktlösung)
Baker & McKenzie (Frankfurt): Prof. Dr. Jörg Risse (Konfliktlösung)

Jörg Risse

Jörg Risse

Vertreter Geschäftsführer
Clifford Chance (Frankfurt): Dr. Peter Burckhardt (Konfliktlösung), Dr. Stefan Sax (Restrukturierung/Insolvenz)
KPMG Law (Köln): Jan Kehbel, Gunars Urdze (beide Insolvenzrecht)

Vertreter Aufsichtsrat
Kirkland & Ellis: Dr. Bernd Meyer-Löwy (Insolvenzrecht)
EurAA: Tjark Menssen (Insolvenzrecht)

Vertreter AIG als Nebenintervenientin
Fiedler Cryns-Moll (Köln): Björn Fiedler (Versicherungsrecht)

Vertreter Wellensiek und Hagebusch (damalige Sanierungsberatung)
Gleiss Lutz (Frankfurt): Dr. Stefan Rützel (Konfliktlösung)

Bernd Meyer-Löwy

Bernd Meyer-Löwy

Vertreter Shearman & Sterling und früherer Partner (damalige Corporate-Beratung)
Schmitz & Partner (Frankfurt): Dr. Bernd-Wilhelm Schmitz, Stefanie Burkhardt (beide Konfliktlösung)

Vertreter Luther
Greenfort (Frankfurt): Dr. Daniel Röder; Associate: Viktoria Hermann (beide Konfliktlösung)

Landgericht Frankfurt, 21. Zivilkammer
Dr. Lars Iffländer (Vorsitzender Richter)

Björn Fiedler

Björn Fiedler

Hintergrund: Das Verwalterteam um Frege, Kühne und Neupartner Holzmann hatte über weite Strecken des Verfahrens Linklaters mandatiert. Soweit bekannt kam zu einem späteren Zeitpunkt dann Baker-Partner Risse hinzu. Mit ihm ficht Frege auch einen anderen Klagekomplex aus: In Sachen Maple Bank vertritt Risse den Insolvenzverwalter bei dessen Klagen gegen EY. Bellinghausen hatte für Frege den Vergleich mit der ehemaligen Maple-Beraterin Freshfields Bruckhaus Deringer ausgehandelt.

Die Geschäftsführung hatte sich gemeinsam mit Clifford gewappnet, die aufgrund ihres guten Rufes für Restrukturierungsberatung auf Empfehlung mandatiert wurde. Das Verfahren führt Litigation-Counsel Burckhardt.

Kirkland und Arbeitnehmeranwalt Menssen teilen sich die Vertretung der 16 ehemaligen Aufsichtsräte. Meyer-Löwy vertritt im Wesentlichen die Seite der ehemaligen Anteilseigner, Menssen arbeitet für die Arbeitnehmerseite.

Wie üblich bei Managerhaftungsfragen hat auch in diesem Verfahren die D&O-Versicherung eine tragende Rolle gespielt. Sie wird vertreten von Namenspartner Fiedler, einem der führenden Berater in diesem Segment. Die Einheit firmiert nun unter Fiedler Cryns-Moll, nachdem Namenspartner Dr. Marc Jüngel kürzlich die Kanzlei verlassen und eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen hat. (Christiane Schiffer; mit Material von dpa)

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