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11.01.2021

Neue Klagen nach Monsanto-Deal: Bayer verteidigt sich mit SZA gegen Tilp und Hausfeld

Die Querelen um die Monsanto-Übernahme lassen Bayer nicht zur Ruhe kommen. Der große Vergleich, mit dem der Konzern im Sommer die meisten Glyphosat-Klagen in den USA loswerden wollte, ist immer noch nicht in trockenen Tüchern – da gibt es auch in Deutschland neue Klagen: 37 Millionen Euro Schadensersatz fordert ein US-Investmentfonds vor dem Landgericht (LG) Köln, auch ein britischer Investor klagt dort. Der Vorwurf: Bayer habe Prozessrisiken im Zusammenhang mit dem Monsanto-Deal verschwiegen und damit kapitalmarktrechtliche Ad-hoc-Pflichten verletzt.

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Markus Pfüller

Aufgeschreckt hatten den Konzern Klagen wie die des Amerikaners Dewayne Johnson, der eine Krebserkrankung auf den Umgang mit Glyphosat zurückführt. Er wirft Monsanto – und damit heute Bayer – vor, die Gefahren des Unkrautvernichters verschwiegen zu haben. 2018 sprach eine Jury ihm fast 300 Millionen US-Dollar zu. Auch wenn ein Berufungsgericht den Schadens- und Strafschadensersatz später auf gut 20 Millionen US-Dollar reduzierte, ließ der schlagzeilenträchtige Fall das Prozess- und Reputationsrisiko für Bayer deutlich werden – denn gegen Monsanto sind in den USA Tausende von Klagen anhängig, vor allem im Zusammenhang mit Glyphosat, aber auch mit dem Pflanzenschutzmittel Dicamba und der Chemikalie PCB. Im Juni des vergangenen Jahres gab Bayer einen Vergleich bekannt, mit dem für gut 10 Milliarden US-Dollar die meisten Klagen beigelegt werden sollten – vollends unter Dach und Fach ist das Vertragswerk aber bis heute nicht, unter anderem, weil Richter Teile des Vergleichs nicht genehmigen wollten.

Hat Bayer Prozessrisiken verschwiegen?

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Wolf von Bernuth

Der Ansatzpunkt der Klagen in Deutschland ist das Kapitalmarktrecht: Bayer wusste, so der Vorwurf der Kläger, schon bei Bekanntgabe des Monsanto-Deals, also im Frühjahr 2016, dass die damals anlaufende Klagewelle gegen Monsanto Erfolgsaussichten hatte – und wäre daher verpflichtet gewesen, den Kapitalmarkt über diese wirtschaftlichen Risiken zu informieren. Das ist aber nicht passiert. Das Unternehmen argumentiert, dass es eben nicht stimmt, dass die Prozessrisiken damals schon klar erkennbar waren. Die Kläger glauben hingegen: Da der Monsanto-Kaufpreis von 63 Milliarden US-Dollar ohnehin extrem hoch war und daher stark kritisiert wurde, hat sich Bayer nicht getraut, seinen Aktionären auch noch zu den Glyphosat-Prozessrisiken reinen Wein einzuschenken.

Bisher sind am Landgericht Köln zwei Klagen anhängig: Die New Yorker Investmentgesellschaft Kingstown Capital Management fordert knapp 37 Millionen Euro Schadensersatz (Az. 22 O 313/20). Der britische Investor Worshipful Company Of Carmen Benevolent Trust macht einen Kursdifferenzschaden geltend, dessen Höhe in das Ermessen des Gerichtes gestellt wird.

Vertreter Kingstown Capital Management
Hausfeld (Berlin): Dr. Wolf von Bernuth; Associates: Maximilian Becker, Indra von Mirbach, Johannes Wick, Falk Emmerich (alle Konfliktlösung)

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Andreas Tilp

Vertreter The Worshipful Company Of Carmen Benevolent Trust 
Tilp (Kirchentellinsfurt): Andreas Tilp; Associate: Christian Herrmann (beide Kapitalmarktrecht/Konfliktlösung)

Vertreter Bayer
SZA Schilling Zutt & Anschütz: Prof. Dr. Thomas Liebscher, Dr. Ben Steinbrück (beide Konfliktlösung; beide Mannheim), Markus Pfüller (Kapitalmarktrecht; Frankfurt)
Inhouse Recht: Dr. Stephan Semrau (Head of Corporate), Mark Wolters

Landgericht Köln, 
Theo Dahl (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: Alle Vertreter sind aus dem Markt bekannt.

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Ralph Wollburg

Ein Vorwurf der Aktionäre, der bei den kapitalmarktrechtlichen Streitigkeiten eine Rolle spielen dürfte, ist bereits ausführlich untersucht worden: Wurden die teuren Monsanto-Prozessrisiken übersehen, weil bei der Due Diligence geschlampt wurde – hat also der Vorstand eine Pflichtverletzung begangen? Dazu haben der renommierte Gesellschaftsrechtler Prof. Dr. Mathias Habersack von der Universität München und Linklaters-Partner Dr. Ralph Wollburg Gutachten geschrieben. Beide kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Akteure im Rahmen der Business Judgement Rule korrekt verhalten haben.

Hat der Bayer-Vorstand Pflichten verletzt?

Nach JUVE-Informationen waren vor dem Kauf von Monsanto US-Litigation-Experten hinzugezogen worden, um die Glyphosat-Klagen einzuschätzen. Diese hätten aber keine großen Probleme vorhergesehen – allenfalls ein „remote risk“, ein geringes Risiko. Geprüft wurden in den Gutachten nicht ausdrücklich Ad-hoc-Pflichten, sondern allgemein die Sorgfaltspflichten des Vorstands, allerdings gibt es einen Zusammenhang: Wenn keine Sorgfaltspflichten verletzt wurden, wird es viel schwieriger zu argumentieren, dass aber doch gegen Ad-hoc-Pflichten verstoßen worden sein soll. So sehen sie es bei Bayer. Die Kläger verweisen darauf, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

Da Linklaters-Partner Prof. Dr. Ulrich Wilsing den Bayer-Vorstand zu dem Milliardenvergleich in den USA berät und auch Wollburg sich bereits mit der Rolle des Vorstands während der Übernahme beschäftigt hat, wäre es keine Überraschung gewesen, wenn Linklaters auch als Vertreterin gegen die deutschen Kapitalmarktklagen mandatiert worden wäre. Allerdings hat auch SZA in den vergangenen Jahren ihr ohnehin großes Renommee für kaptalmarktrechtliche Klagen ausbauen können: Dank Pfüller, der 2015 quasi am Vorabend des VW-Dieselskandals von Clifford wechselte, ist SZA zu einem zentralen Akteur im Dieselkomplex geworden: Die Kanzlei koordiniert die Abwehr von Anlegerklagen – insbesondere auch der Kapitalanleger-Musterverfahren (KapMuG) gegen den Konzern. 

Alte Gegner ziehen an einem Strang

Für die Hausfeld-Klage ist der Berliner Partner Dr. Wolf von Bernuth zuständig, der früher für Gleiss Lutz bei derartigen Fällen eher auf Beklagtenseite gestanden hatte. Zum Beispiel für die Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE). Vertreter des Musterklägers in diesem Verfahren: Andreas Tilp, der diesmal mit Bernuth für andere Mandanten auf derselben Seite steht. Tilp vertritt auch den Musterkläger im VW-KapMuG-Verfahren, wo ihm wiederum ein SZA-Team um Liebscher und Pfüller gegenübersteht.

Tilp führt für den britischen Investor Worshipful Company Of Carmen Benevolent Trust eine kleinere Klage, allerdings hat die Kanzlei nach eigenen Angaben mit ihren US-Partnern und dem Prozessfinanzierer Therium inzwischen eine größere Gruppe weiterer institutioneller Investoren gebildet, die Klagen gegen Bayer in Deutschland planen. Tilp hat die erste Klage bereits im Juli 2020 eingereicht – und dürfte sich damit in eine gute Position zur Vertretung des Musterklägers in einem etwaigen KapMuG-Verfahren gebracht haben. Wenn es ein solches Verfahren gibt, sind solange alle anderen gleichgelagerten Verfahren ausgesetzt – das beträfe dann womöglich auch die Hausfeld-Klage am LG Köln. (Marc Chmielewski)

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