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14.09.2020

Wirecard: Abwehrlinien zu Anlegerklagen gegen EY und BaFin formieren sich

Der Wirecard-Skandal ist Stoff für ganz großes Kino. Das haben auch die Fernsehsender Sky und rbb erkannt und eine Serie über eine der größten Wirtschaftsaffären in Auftrag gegeben. In Berlin laufen derweil die Vorbereitungen für einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Da für geschädigte Aktionäre bei Wirecard selbst kaum noch etwas zu holen ist, versuchen sie nun, sich an Wirtschaftsprüferin EY und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) schadlos zu halten. Bei mehreren Landgerichten sind Klagen eingegangen.

Andreas Tilp

Andreas Tilp

Das Landgericht Stuttgart bestätigte gegenüber JUVE einen Bericht der FAZ, nach dem inzwischen ingesamt sechs Verfahren gegen EY und gegen die verantwortlichen Partner Andreas Budde und Martin Dahmen laufen (Az. 27 O 202/20, 27 O 208/20, 27 O 210/20, 27 O 212/20, 27 O 213/20, 27 O 214/20). Ein weiterer verantwortlicher Partner für das Testat der Prüfberichte ist Andreas Lötscher, er arbeitet inzwischen bei der Deutschen Bank.

Der Streitwert der Stuttgarter Klagen liegt bei insgesamt rund 11 Millionen Euro, von denen allein 9,5 Millionen auf eine institutionelle Anlegerin fallen. 15 Privatanleger haben sich einer gemeinsamen Klage angeschlossen und fordern zusammen 1,95 Millionen Euro. Weitere Privatleute fordern jeweils fünfstellige Beträge.

Ziel eines KapMug-Verfahrens in München sind neben EY und ihren Prüfern auch die ehemaligen Wirecard-Vorstände Markus Braun, Jan Marsalek und und CFO Alexander von Knoop. In Frankfurt läuft eine Amtshaftungsklage gegen die BaFin, außerdem ist eine Musterfeststellungsklage beantragt.

Das Bundesfinanzministerium will eine private Beratungsgesellschaft zur Reform der BaFin einschalten. Die externe Beratung soll unter anderem „konkrete, kurzfristig umsetzbare Empfehlungen zur Optimierung von Prozessen, der Organisationsstruktur und der Ressourcenausstattung der BaFin erarbeiten“, heißt es in einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag. Das Handelsblatt berichtete, damit sei die Unternehmensberatung Roland Berger in Kooperation mit KPMG Law und der Technologieberaterin Sopra Steria beauftragt worden. Geplant ist nach Angaben des Finanzministeriums, die Beratungsleistung aus einem Berater-Rahmenvertrag des Bundesverwaltungsamts abzurufen. Der Kostenrahmen werde derzeit auf etwa 800.000 Euro geschätzt.

Michael Zoller

Michael Zoller

Vertreter Kläger – KapMug (LG München)/Amtshaftung (LG Frankfurt)
Tilp (Kirchentellinsfurt): Andreas Tilp, Axel Wegner, Marvin Kewe; Associates: Christian Herrmann, Maximilian Weiss, Marc Schiefer (alle Konfliktlösung)

Vertreter Kläger – EY und Partner (LG Stuttgart)
Schirp & Partner (Berlin): Dr. Wolfgang Schirp, Dr. Susanne Schmidt-Morsbach, Antje Radtke-Rieger (alle Konfliktlösung)
Dr. Späth & Partner (Berlin): Dr. Marc Liebscher

Reinhard Lutz

Reinhard Lutz

Vertreter EY/Andreas Budde/Martin Dahmen
Wirsing Hass Zoller (München): Dr. Michael Zoller; Associates: Yvonne Green, Frank Wegmann (alle Bank- und Kapitalmarktrecht)

Vertreter Andreas Lötscher
Lutz Abel (München): Dr. Reinhard Lutz (Konfliktlösung)

Vertreter BaFin
Redeker Sellner Dahs (Berlin): Dr. Matthias Kottmann (Öffentliches Wirtschaftsrecht)

Matthias Kottmann

Matthias Kottmann

Vertreter Markus Braun
Schmitz & Partner (Frankfurt): Dr. Bernd-Wilhelm Schmitz (Konfliktlösung)

Vertreter Alexander von Knoop 
Bock Legal (Frankfurt): Stefan Bank (Konfliktlösung)

Vertreter Wirecard
Gibson Dunn & Crutcher (München): Dr. Markus Rieder; Associate: Dr. Andreas Dürr (beide Konfliktlösung) 

Hintergrund: Ein Großteil der Anwälte ist aus dem Markt bekannt.

Mit Tilp und Schirp & Partner engagieren sich bereits einige bekannte Klägervertreter in Sachen Anlegerklagen. Schirp & Partner haben die größte Stuttgarter Klage (9,5 Millionen Euro) eingereicht. Auf Tilp geht das KapMug-Verfahren in München gegen EY und das Amtshaftungsverfahren gegen die BaFin in Frankfurt zurück. Außerdem haben Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan und der Prozessfinanzierer Omni Bridgeway Klagen angekündigt.

Bank_Stefan

Stefan Bank

Einen anderen Weg schlägt der Prozessfinanzierer Litfin ein. Er sammelt selbst Kläger gegen EY und will dafür laut Internetseite „ausschließlich mit internationalen Rechtsanwaltskanzleien“ zusammenarbeiten. Spezialisierte lokale deutsche Rechtsanwaltskanzleien kämen für sie nicht in Betrachtt. Man sei zuversichtlich, bald eine Kanzlei für die finanzierte Sammelklage nennen zu können.

Auch die Beklagtenseite hat sich zur Verteidigung mit Spezialisten gewappnet. Bekannt waren dabei bereits Wirsing Hass Zoller mit ihrem Schwerpunkt bei der Vertretung von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Der nicht mehr bei EY tätige Lötscher hat Lutz Abel mandatiert, deren Namenspartner Lutz ebenfalls auf eine langjährige Erfahrung bei Berufshaftungsfällen zurückblickt. Dies ist ebenso bei Bock Legal der Fall, deren Konfliktlösungspartner Bank nach JUVE-Informationen den aktuellen Wirecard-CFO gegen Schadensersatzansprüche verteidigt.

Dass von der BaFin Redeker für die Amtshaftungsklage mandatiert wurde, ist naheliegend, da die Kanzlei für die Themen Amts- und Staatshaftung sowie Beamtenrecht bekannt ist. (Christiane Schiffer; mit Material von dpa)

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