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07.08.2019

Steinhoff-Bilanzskandal: Tilp und Linklaters fechten Musterklage aus

Im Steinhoff-Bilanzskandal hat das Oberlandesgericht Frankfurt einen Musterkläger bestimmt. In dem Prozess geht es um die Schadensersatzforderungen von Anlegern aufgrund des Bilanzskandals. Es ist nicht der einzige Anlegerprozess, dem sich der angeschlagene Möbelriese stellen muss.

Maximilian Weiss

Maximilian Weiss

Der Kläger wirft Steinhoff vor, den Kapitalmarkt nicht ausreichend über die Bilanzmanipulationen im Umfang von mehreren Milliarden Euro informieren zu haben. In dem Musterverfahren nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) wird Mitte Dezember die erste mündliche Verhandlung stattfinden. Innerhalb der kommenden sechs Monate können Investoren ihre Ansprüche zum Musterverfahren noch anmelden.

Bei Steinhoff soll eine Gruppe von Top-Managern im großen Stil Scheingeschäfte getätigt haben, um die Bilanz zu fälschen und künstlich aufzublähen. Zu diesem Ergebnis kamen auch die Wirtschaftsprüfer von PwC, die im Frühjahr 2019 einen umfangreichen Bericht vorlegten. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg gegen den ehemaligen Vorstandschef Markus Jooste und drei weitere Ex-Manager.

Steinhoff hatte die Bilanzunregelmäßigkeiten im Dezember 2017 eingeräumt. Daraufhin war der Kurs der Aktie massiv abgestürzt. Inzwischen hat Steinhoff mehr als zehn Milliarden Euro an Vermögenswerten abgeschrieben, mit denen die Bilanz aufgeblasen worden war.

Steinhoff befindet sich derzeit in einer Restrukturierung. Die deutsche Billigmöbelkette Poco und die österreichischen Möbelhäuser Kika und Leiner wurden bereits verkauft.

Klagen in Südafrika und den Niederlanden

Kerstin Wilhelm

Kerstin Wilhelm

Der weltweit tätige Möbelkonzern hat seinen Sitz in Stellenbosch, ist an der Frankfurter Börse notiert und aus steuerlichen Gründen in Amsterdam eingetragen, seine operative Zentrale liegt dagegen in Sandton bei Johannesburg in Südafrika. Daher kommen für die Klagen von Privatanlegern und institutionellen Investoren verschiedene Rechtsregime infrage. In der deutschen KapMuG-Klage sind vor allem Privatanleger versammelt. Viele institutionellen Kläger haben sich aber bereits Klagen in Südafrika und den Niederlanden angeschlossen.

So läuft vor dem High Court in Johannesburg bereits eine Sammelklage wegen des Bilanzskandals. Die Klage wird analog zur amerikanischen Sammelklage als sogenannte „class action“ geführt. Neben der Konzernholding Steinhoff International Holdings N.V. wenden sich die Kläger auch gegen Banken wie die Commerzbank und die Standard Chartered Bank sowie die Wirtschaftsprüfer von Deloitte und Rödl & Partner. Beide hatten die fraglichen Jahresabschlüsse von Steinhoff testiert. Steinhoff hält die Berichte mittlerweile für unrichtig. Auch der Ex-Vorstandsvorsitzende Jooste, der ehemalige Finanzvorstand Ben la Grange und deren damaliger Aufsichtsratsvorsitzende Christoffel Hendrik Wiese werden in Südafrika verklagt. Im Prozess fordern die Anleger rund zwölf Milliarden Euro als Kompensation für ihre Verluste an der Börse nach dem Bekanntwerden des Skandals.

In den Niederlanden ist ebenfalls bereits eine Sammelklage anhängig. Dort hat die Aktionärsvereinigung VEB im vergangenen Jahr eine Feststellungsklage eingereicht. Anders als im deutschen KapMuG können in den Niederlanden nur Vereine und Stiftungen eine solche Klage erheben.

Vertreter Musterkläger
Tilp (Kirchentellinsfurt): Maximilian Weiss, Andreas Tilp (beide Litigation)

Vertreter Steinhoff
Linklaters (München): Dr. Kerstin Wilhelm (Litigation) – aus dem Markt bekannt

Oberlandesgericht Frankfurt, 23. Zivilsenat
Dr. Bernhard Seyderhelm (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: In Deutschland vertritt Tilp neben dem Musterkläger auch weitere Privatanleger über die Tilp Rechtsanwaltschaftgesellschaft. Doch auch an den Verfahren in den Niederlanden und Südafrika sind die Tilp-Anwälte beteiligt. Über die Schwesterkanzlei Tilp Litigation arbeitet sie auf internationaler Ebene als Mitglied der International Steinhoff Litigation Group (ISLG) mit, in der sich Kapitalmarktrechtlern aus Deutschland, den Niederlanden, Südafrika und den USA zusammengeschlossen haben. Die ISLG bündelt Klagen institutioneller Investoren, die zudem von dem Prozessfinanzierer Terium unterstützt werden. Mit ihm arbeitet Tilp auch im Zuge der Diesel-Klage gegen Daimler zusammen. In Südafrika vertritt die Kanzlei LHL Attorneys die Steinhoff-Kläger, in den Niederlanden Bynkershoek Dispute Resolution.

Neben Tilp sind in dem internationalen Prozesskomplex noch andere Kanzleien für die Steinhoff-Aktionäre tätig, unter anderem die belgische Aktionärsvertretung Deminor, die niederländische Kanzlei BarentsKrans sowie Claims Funding Europe, die mit der australischen Kanzlei Maurice Blackburn und der kanadischen Kanzlei Siskinds verbunden ist.

Linklaters kam dem Vernehmen nach über ihr Amsterdamer Büro und die dort tätige Partnerin Daniella Strik ins Mandat. Sie vertritt den Möbelkonzern auch in der niederländischen Sammelklage. In Südafrika wird Steinhoff von Werksmans Attorneys vertreten. Die Münchner Litigation-Spezialistin Wilhelm ist im Mai zur Partnerin ernannt worden.

Steinhoff hatte im April bereits in einer Pressemitteilung signalisiert, einen Vergleich mit den Klägern anzustreben. (Ulrike Barth)

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