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22.08.2019

Milliardenpaket: Steinhoff nutzt englisches Recht für Restrukturierung

Mitte August wurde die finanzielle Restrukturierung der Steinhoff-Gruppe rechtswirksam. Zwei aneinander gekoppelte Company Voluntary Arrangements (CVAs) nach englischem Recht traten in Kraft. Diese Abkommen für die Steinhoff International Holdings und Steinhoff Europe waren bereits im November 2018 fertig ausgehandelt, konnten aber unter anderem wegen des Einspruchs einzelner Gläubiger zunächst nicht umgesetzt werden.

Markus Fellner

Markus Fellner

Das CVA ist einer der Exportschlager des englischen Rechts. Er erlaubt bei Unternehmenskrisen eine flexible Vereinbarung von Rückzahlungsquoten zwischen dem Schuldnerunternehmen und seinen Gläubigern, ohne dass sämtliche Gläubiger zustimmen müssen. Steinhoff hatte dazu den Hauptsitz der beiden in Brunn am Gebirge (Niederösterreich) ansässigen Gesellschaften Steinhoff Europe AG und Steinhoff Finance Holding GmbH ins englische Cheltenham (Gloucestershire) verlagert.

Die Rettungsgespräche hatten Ende 2017 begonnen, als die Steinhoff-Gruppe nach der Bekanntmachung von Bilanzunregelmäßigkeiten in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Die Schuldenlast wurde mit 7,7 Milliarden Euro beziffert. Der deutsch-südafrikanisch-niederländische Konzern ist einer der größten Handelskonzerne der Welt mit Schwerpunkt im Möbelhandel, die Aktien sind ist an der Johannesburg Stock Exchange und der Frankfurter Börse gelistet.

Im Sommer 2018 hatten drei große Gläubigergruppen einem sogenannten Lock-up-Agreement zustimmten, das sowohl die inhaltlichen Eckpunkte als auch den Zeitplan für die Restrukturierungsmaßnahmen enthielt. Dazu gehörte auch der Verkauf von Kika/Leiner im Sommer 2018 an Signa. Vor dem OLG Frankfurt/Main ist unterdessen eine Klage nach dem deutschen Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) gegen die Steinhoff International Holdings anhängig. Hier sind vor allem Privatanleger versammelt, viele institutionelle Kläger haben sich aber bereits Klagen in Südafrika und den Niederlanden angeschlossen.

Berater Steinhoff
Fellner Wratzfeld & Partner (Wien): Dr. Markus Fellner (Federführung), Dr. Paul Luiki, Dr. Florian Kranebitter, Dr. Elisabeth Fischer-Schwarz; Associates: Carine Nsiona, Julian Zarre, Elisabeth Gehringer, Daniel Wadl (alle Rechtsanwaltsanwärter; alle Restrukturierung)
Wolf Theiss (Wien): Matthias Schimka (Federführung), Dr. Claus Schneider (beide Bank- und Finanzrecht), Dr. Eva Stadler (Steuern); Associates: Georg Harer, Nevena Skocic (beide Bank- und Finanzrecht), Markus Taufner (Corporate)
Linklaters: Richard Bussel (Federführung), Rebecca Jarvis (beide London); Dr. Sabine Vorwerk; Associate: Dr. Katharina Schaub (beide Frankfurt; alle Restrukturierung & Insolvenz)
Gleiss Lutz (Frankfurt): Dr. Eva Reudelhuber (Federführung; Finanzierung), Dr. Andreas Spahlinger, Dr. Matthias Tresselt (beide Restrukturierung; beide Stuttgart), Dr. Helge Kortz, Dr. Kai Arne Birke (beide Finanzierung), Martin Schockenhoff, Stephanie Lumpp (beide Corporate); Associates: Ocka Stumm (Steuern), Friedrich Schlott (Restrukturierung), Alexander Gebhardt (Corporate/Kapitalmarktrecht), Yana Koch, Anastasia Dressler, Benedikt Sütter (alle Finanzierung)
Simmons & Simmons (Frankfurt): Dr. Werner Meier (Finanzierung/Restrukturierung)

Berater Gläubiger Koordinierungsausschuss (Banken und Fonds)
Binder Grösswang (Wien): Dr. Tibor Fabian (Federführung Finanzierung), Gottfried Gassner (Federführung Restrukturierung), Dr. Christian Klausegger (Konfliktlösung), Dr. Christian Wimpissinger (Steuern), Dr. Robert Wippel (Finanzierung); Associates: Georg Wabl (Restrukturierung), Maximilian Höltl (Finanzierung), Clemens Willvonseder (Steuern), Clarissa Nitsch (Konfliktlösung), Mona Holzgruber (Rechtsanwaltsanwärterin; Corporate/Restrukturierung), David Rötzer, Patrick Mayrhuber (beide Rechtsanwaltsanwärter; beide Finanzierung)
Allen & Overy: Peter Hoegen (Frankfurt), Earl Griffith (beide Federführung), Andrew Trahair, Nick Liste (alle London); Associates: Dr. Christopher Kranz, Sascha Franke (beide Frankfurt), Nick Charlwood, Philip Wells, Lara Panahy (alle London; alle Bank- und Finanzrecht/Restrukturierung)

Gläubiger Secondary Committee
Dorda (Wien): Dr. Tibor Varga (Bank und Finanzrecht), Dr. Felix Hörlsberger (beide Federführung; Restrukturierung), Magdalena Nitsche (Restrukturierung)
Latham & Watkins: Frank Grell, Simon Baskerville (London), Adam Goldberg (New York); Associates: Daniel Splittgerber (Hamburg), Marc Hecht, Ed Richardson (London; alle Restrukturierung/Insolvenz)

Gläubiger Wandelschuldverschreibung
Eisenberger & Herzog (Wien): Dr. Marcus Benes; Associates: Dr. Philipp Schrader (Rechtsanwalt), Katharina Paar (Rechtsanwaltsanwärterin; alle Restrukturierung/Finanzierung)
Kirkland & Ellis (München): Sacha Lürken, Sean Lacey, Kon Asimacopoulos (alle Federführung; beide London), Dr. Leo Plank (alle Restrukturierung), Wolfgang Nardi (Finanzierung), Dr. Anna Schwander (Gesellschaftsrecht); Associates: Dr. Johannes Lappe, Ann-Kathrin Ziegler (Restrukturierung), Dr. Katharina Hohmann (Finanzierung), Isabel Ruttloff (Corporate)

Hintergrund: Die Namen sind teilweise aus dem Markt bekannt.

Die Steinhoff-Restrukturierung hat vor allem den international aktiven Restrukturierungspraxen ein Parademandat beschert. Linklaters, Allen & Overy, Latham & Watkins sowie Kirkland & Ellis konnten ihre Stärke bei grenzüberschreitenden Krisensituationen ausspielen. Der bevorstehende EU-Austritt des Vereinigten Königreichs wirft allerdings auch im Restrukturierungsmarkt Fragen auf, da die bekannten Sanierungsinstrumente nach englischem Recht – CVAs wie bei Steinhoff oder auch im Gesellschaftsrecht verankerte ‚Schemes of Arrangement‘ – je nach Vertragskonstrukt von der Anerkennung in den anderen EU-Mitgliedsländern abhängig sind.

Für die österreichischen Bezüge kamen die etablierten Wiener Kooperationspartner zum Zug. Sowohl Fellner Wratzfeld als auch Wolf Theiss sind seit vielen Jahren für Steinhoff tätig. Beide hatten Steinhoff auch beim Verkauf des Kika/Leiner-Möbelgeschäfts und -Immobilienportfolios im Juni 2018 beraten. Die letzte große grenzüberschreitende Restrukturierung mit Beteiligung österreichischer, deutscher und englischer Anwälte war die des deutschen Recyclingunternehmens Scholz im Jahr 2016.

Linklaters ist für Steinhoff in Deutschland auch in der Abwehr von Anlegerklagen aktiv, vor dem OLG Frankfurt ist dies die Münchner Partnerin Dr. Kerstin Wilhelm. Gleiss-Partnerin Reudelhuber beriet den Steinhoff-Konzern bereits vor ihrem Wechsel von Linklaters im Sommer 2015 regelmäßig in Finanzierungsfragen. (Markus Lembeck)

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