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22.05.2020

On the record: Sind Legal Operations reine Juristensache?

In kaum einer anderen Branche verläuft die Trennlinie zwischen Berufsträgern und anderen Mitarbeitern so deutlich wie in der Rechtsberatung – bisher. Mit dem Legal-Operations-Trend entstehen nun vielerorts Funktionen, die quer zu dieser Grenze angelegt sind und mal von Juristen ausgefüllt werden, mal nicht. Aber was ist besser? Sollte für Legal Operations im Unternehmen ein Jurist verantwortlich sein, oder gerade nicht?

Martin Düker

Martin Düker

„Effizienz und Qualität lassen sich nicht trennen.“

Martin Düker ist Senior Counsel Gesellschaftsrecht/M&A bei EnBW. Gemeinsam mit General Counsel Bernd-Michael Zinow verantwortet er die Legal-Operations-Strategie der Rechtsabteilung.

„Man muss für diese Rolle nicht unbedingt Jurist sein, aber es ist sehr sinnvoll. Im Kern geht es darum, dass Juristen möglichst nur noch das machen sollen, worin sie richtig gut sind: Jura. Dann steigt nicht nur die Effizienz, sondern auch die Qualität. Beides lässt sich nicht voneinander trennen. Wer aber auch beides im Blick behalten will, muss genau wissen, wie und woran die Juristen in der Rechtsabteilung konkret arbeiten. Dafür sollte man die Rechtsabteilung und ihre Mitarbeiter ebenso gut kennen wie das Unternehmen insgesamt.

Außenstehenden fehlt oft der Zugang. Jeder kennt die optisch und sprachlich schön gemachten Präsentationen externer Unternehmensberater, denen nicht selten die benötigte Tiefe oder ganz konkrete und passgenaue Lösungen fehlen. Zwar gibt es auch für Legal Operations richtig gute Externe. Wir setzen aber in erster Linie auf die umfangreiche Expertise unserer eigenen Leute.

In unserer Rechtsabteilung arbeiten wir in einem Projekt derzeit systematisch alle Legal-Operations-Handlungsfelder durch, vom Prozessmanagement über Digitalisierung bis zu KPIs. Weil unserem General Counsel nicht nur die Bereiche Recht, Compliance und Datenschutz unterstehen, sondern auch die Revision, bringen deren Experten ihre Prozess-, System- und Methodenkompetenz in unser Projekt mit ein. Diese Konstellation ist ideal.“

 

Marcus Debes

Marcus Debes

„Oft hilft es gerade, die Details nicht zu verstehen.“

Marcus Debes ist Wirtschaftsingenieur und in der Heraeus-Rechtsabteilung zuständig für Projects & Processes. Er berichtet an General Counsel Hergen Haas.

„Ob Jurist oder Nichtjurist, ist zweitrangig. Vor allem kommt es darauf an, dass man das Unternehmen und dessen interne Prozesse wirklich versteht, also auch wirtschaftlich und technisch. Letztlich geht es, wie in anderen administrativen Bereichen auch, um schlanke Abläufe und saubere Schnittstellen. Um innerhalb dieser Prozessketten den Überblick zu behalten, braucht man Distanz, unabhängig von der eigenen Profession.

Inhouse-Juristen können sicher die Bedeutung bestimmter juristischer Themen viel besser einordnen und kennen die Hintergründe im Detail. Oft hilft es aber, die inhaltlichen und juristischen Details im ersten Schritt gerade nicht zu verstehen. Wenn ich mich an den rechtlichen Details einzelner Schritte sogleich festbeiße, laufe ich Gefahr, den Blick dafür zu verlieren, was sich standardisieren lässt und wie man die Schnittstellen zu den Inhouse-Mandanten besser organisieren kann. Genau darum geht es aber: Es gilt, 80 Prozent der Prozesse so effizient zu gestalten, dass mehr Kapazitäten für die anspruchsvollsten 20 Prozent frei werden.

JUVE-Umfrage 2020Im Grunde ist das Ziel der Legal-Operations-Funktion, sich selbst überflüssig zu machen. Sind alle Abläufe optimiert und Low-Value-Tätigkeiten (teil-)automatisiert, braucht es mich nicht mehr. Doch wo gibt es schon so etwas wie eine perfekte Organisation?“

Aufgezeichnet von Norbert Parzinger. In unserer Reihe ‚On the record‘ beleuchten wir eine Frage des Rechtsmarkts aus unterschiedlichen Perspektiven. 

 

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