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27.02.2020

Interview mit Legal-Operations-Spezialist von Shell: „Es geht nicht nur um den Preis”

Vincent Cordo leitet seit 2018 beim Energiekonzern Shell in Den Haag als Central Legal Operations Manager ein rund 30-köpfiges Team, das die Mandatierung der externen Berater managt. Der 44-jährige Ökonom und Computerwissenschaftler ist gerade dabei, ein neues weltweites Panel für Shell aufzusetzen. ­Worauf es dabei ankommt, erklärt Cordo im Gespräch mit JUVE. 

Vincent Cordo

Vincent Cordo

JUVE: 2009 hat Shell als eines der ersten Unternehmen von Kanzleien verlangt, alternative Abrechnungsstrukturen vorzuschlagen – was ist falsch an der traditionellen Abrechnung? 
Vincent Cordo: Kanzleien sollten sich weiterentwickeln und kreative Wege ­finden, damit sie weiterhin wettbewerbsfähig bleiben. Zweifelsohne erfolgt die rechtliche Problemlösung durch das Fachwissen des Anwalts. Kanzleien sollten aber zeigen, wie sie in Bezug auf Qualität und Preis effektiver sein und ­ihren Wert für den Mandanten besser darstellen können. Sie sollten darüber hinaus die Beziehung zu Inhouse-Juristen genauso wie beispielsweise zu ­Legal-Operations-Fachleuten nutzen, um sicherzustellen, dass sie die nötige Unterstützung erhalten, damit sie mehr Ausschreibungen gewinnen. 

Was halten Sie von Modellen, die nicht nach Stundensätzen abrechnen, sondern nach Aufwand, nach dem Grad an Verantwortung und den ­gelieferten Ergebnissen? 
Langfristig wollen wir weg vom Stundenmodell. Wenn eine Kanzlei sagt „Das ist unsere Arbeit wert“, kann das nur eins der Puzzleteile sein. Die Mandanten müssen sich selbst ins Spiel bringen und fragen: „Wieviel hätte es uns gekostet, diese Angelegenheit selbst zu regeln?“ Wir und viele andere Unternehmen versuchen gerade, unsere Fälle mithilfe eines Managementsystems zu verwalten – das gilt für alle Rechtsbereiche außer Prozesse. Damit wollen wir sehen, was uns die interne Erledigung einzelner Sachverhalte gekostet hätte.

Sie gehen also mit Ihrem internen Preisschild in ein Ausschreibungsverfahren?
Ja, wenn wir dann damit beginnen, die Angebote auszuwerten, wissen wir genau, wie hoch der durchschnittliche Preis für andere Arbeiten war und was es uns kosten würde, es selbst zu erle­digen. Wir nutzen diese Daten – denn um die geht es –, um Kanzleien sagen zu können: „Das ist es uns wert“ – und nicht umgekehrt. 

2014 arbeiteten in der Shell-Rechtsabteilung etwa 1.000 Anwälte in 40 Ländern – was hat sich seither verändert?
Insgesamt ist die Rechtsabteilung heute ähnlich groß, immer noch etwa 1.000 Personen, aber die Zusammensetzung hat sich verändert: Anwälte stellen etwa 70 Prozent, der Rest sind nichtjuristische Mitarbeiter wie IT- und Operations-Spezialisten. 

Wie messen Sie heute den kommerziellen Wert von Rechtsberatung?
Wir betrachten eine ganze Reihe von Aspekten. Key Performance Indicators (KPIs) können den Zeitplan, die Gesamtdauer oder die Teamgröße umfassen. Auch unsere Anforderungen werden vorab ermittelt – wobei sich die Frage stellt, wie sehr wir da ins Detail gehen. Wir wollen eine strategische Partnerschaft aufrechterhalten, mit den Kanzleien Hand in Hand arbeiten – aber wir messen den Wert ihrer Rechtsberatung letztlich auf der Grundlage dessen, was sie uns liefern, sowie weiteren Fak­toren wie beispielsweise Diversity und Inklusion (D&I). 

Sind denn Diversity und Inklusion zentrale ­Themen für Sie?
Ja, das steht ganz oben auf unserer Anforderungsliste. Wir haben die Unterstützungserklärung für die D&I-Initiative der General Counsel unterschrieben. Sie zielt die darauf ab, dass Kanzleien die Vielfalt in ihren Teams verbessern. Weltweit tragen wir damit dazu bei, KPIs zu entwickeln. Wir evaluieren sorgfältig, wie gemischt das Team war und wie die Arbeit verteilt wurde – und zwar von Anfang bis Ende des Projektes und nicht nur im Mandat selbst, das beinhaltet auch die Auftragsvergabe und Kundenbetreuung. Der wirtschaftliche Wert setzt sich also aus vielen Komponenten zusammen: Er unterstützt obendrein unsere wesentlichen Unternehmenswerte.

Wie bringen Sie Kanzleien dazu, mitzumachen? 
Wir streben eine Beziehung mit unseren Lieferanten an, die auf guter Zusammenarbeit beruht. Wir haben kommerzielle Interessen, natürlich sind da Preisgestaltung und Analyse wichtig. Aber letztlich ist es eine strategische Frage, wie wir diese Beziehungen gestalten. Auch unsere Partner müssen unsere Wertvorstellungen in ihren Strategien berücksichtigen. Es geht nicht nur um den Preis.

Das Gespräch führte Sonja Behrens.

Das gesamte Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe vom JUVE Rechtsmarkt (03/20), der gerade erschienen ist.

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