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06.05.2021

Interview mit Greenberg: „Die neue Normalität kommt erst noch“

Seit Anfang des Jahres ist Dr. Peter Schorling neuer Managing-Partner von Greenberg Traurig. Er übernahm die Position von Dr. Christian Schede, der sich nach fünf Jahren gegen eine zweite Amtszeit entschieden hatte. JUVE zog mit beiden Partnern Bilanz und sprach mit ihnen über Wachstumsstrategien jenseits der Medien- und Immobilienbranche.

Christian Schede

Christian Schede

JUVE: Herr Schede, mehr als zehn Jahre standen Sie an der Spitze des Ex-Freshfields-Teams, das vor fünf Jahren für Greenberg Traurig in Deutschland eröffnete. Was würden Sie rückblickend als Ihre wichtigste Entscheidung bezeichnen?

Dr. Christian Schede: Die wichtigste Entscheidung habe ich zweimal getroffen. Ich habe zweimal mit dem gleichen Team einen Neustart gewagt, zuerst bei Olswang und dann bei Greenberg Traurig. Für beide Kanzleien haben wir in Deutschland eröffnet. Dafür brauchte es Mut zum Neuanfang und Vertrauen in das Team.

Warum machen Sie jetzt Schluss?

Ich mache doch nicht Schluss! Es ist einfach genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um mich nur auf ein neues Spielfeld zu konzentrieren: auf die Co-Leitung der internationalen Immobilienpraxis von Greenberg Traurig. In diesem Gremium bin ich der einzige Europäer. Der Wechsel an der Spitze des deutschen Teams bedeutet keinen Cut, das wäre falsch.

Herr Schorling, wie wollen Sie den Weg von Christian Schede weitergehen?

Peter Schorling

Peter Schorling

Dr. Peter Schorling: Der Weg unserer Kanzlei war nie nur der Weg von Christian. Wir haben Greenberg Traurig gemeinsam als Marke in Deutschland etabliert, auch abseits unserer klassischen Schwerpunkte in der Immobilien- und Medienbranche. Unsere Corporate-Praxis ist in den vergangenen Jahren massiv gewachsen und stemmt mit einem internationalen Team Deals wie kürzlich die Übernahme von Fyber durch Digital Turbine für 600 Millionen Dollar. Das ist genau das, was wir vor fünf Jahren machen wollten – und heute einfach machen. Dabei ist uns organisches Wachstum sehr wichtig und auch, ein guter Arbeitgeber zu sein. Innerhalb von 50 Jahren hat sich Greenberg Traurig von einer kleinen Kanzlei aus Miami zu einer globalen Law Firm entwickelt – und die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.

Halten Sie in Deutschland an der Ein-Standort-Strategie fest? Einige Wettbewerber sehen das ja eher skeptisch.

Es gab schon immer die Leute, die gesagt haben: „Ihr könnt Finanzierungen oder Kapitalmarktrecht nicht aus Berlin heraus machen.“ Doch das Gegenteil ist Realität: 2020 haben wir zum Beispiel das Immobilienunternehmen Velero bei seinen IPO-Vorbereitungen beraten. Berlin wird künftig bei vielen Fortschrittsthemen eine wichtige Rolle spielen. Denken Sie nur an die Digitalisierung und die Berliner Technologie-Szene. Aber wir werden sehen, wir haben schon immer gerne Gelegenheiten genutzt. Das globale Geschäft orientiert sich auch nicht unbedingt an deutschen Standortfragen.

Wollen Sie in Zukunft stärker auch mit Quereinsteigern wachsen?

Wir wollen unserem Nachwuchs weiterhin die Möglichkeit und die Themen bieten, um sich bei uns zu entwickeln und mit uns zu wachsen. Wir würden auch mit Seiteneinsteigern wachsen, aber sie müssen zu uns passen, also nett und schlau sein (lacht). Und die Rechnung ,1 plus 1 macht 3‘ muss aufgehen. Unsere familiäre Kultur, auf die wir so stolz sind, ist mit aggressivem Wachstum mit Externen nicht vereinbar. Ausnahmen wie Kara Preedy und ihr Team, die vor zwei Jahren von Pusch Wahlig kamen, gibt es natürlich immer wieder – und wird es auch weiter geben.

Was sind in Corona-Zeiten die größten Herausforderungen für die Kanzlei?

Es ist natürlich eine besondere Zeit, um Managing-Partner zu werden. Momentan sitzen alle im Homeoffice, und wir müssen vieles kurzfristig klären: Wie organisieren wir den nächsten Monat? Gibt es eine Teststrategie? Wer wird wann geimpft? Zudem ist wichtig, dass trotz allem die Freude an der Arbeit nicht verloren geht. Wir werden hier noch einmal professionelles Coaching anbieten und sobald wie möglich wieder mit sozialen Veranstaltungen beginnen. Langfristig werden wir entscheiden müssen, welche Rolle Homeoffice im Alltag spielen wird. Die Krise ist noch lange nicht durch. Viele glauben ja, wir leben und arbeiten schon heute im neuen Normalzustand, aber dem ist nicht so. Jetzt ist Corona, die neue Normalität kommt erst noch.

Das Gespräch führte Christin Stender.

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