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20.11.2020

Neues Latham-Management: „Die alte Brot-und-Butter-Gleichung funktioniert nicht mehr“

Es war eine der spektakulärsten Marktbewegungen des Jahres: Im Oktober verließ ein vierköpfiges Team Latham & Watkins, um sich Noerr anzuschließen. Damit verlor Latham nicht nur renommierte Corporate-Spezialisten, sondern auch den Managing-Partner der deutschen Praxis, Dr. Harald Selzner. Sein Nachfolger Burc Hesse ist Private-Equity-Anwalt und war bereits seit März Selzners Stellvertreter. Neuer Deputy Managing-Partner ist der Düsseldorfer Corporate-Partner Dr. Tobias Larisch. JUVE sprach mit beiden über die Abgänge und den Kurs der Kanzlei.

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Burc Hesse

JUVE: Düsseldorf war mit sieben Partnern ohnehin das kleinste deutsche Büro. Nach dem Wechsel eines Teams zu Noerr sind noch drei Partner übrig. Lohnt es sich dafür überhaupt, ein eigenes Büro zu unterhalten?

Burc Hesse: Der Standort Düsseldorf ist und bleibt sehr wichtig für unsere deutsche Praxis. Große Industrieunternehmen wollen ihre Stammberater vor Ort – und die haben sie auch weiterhin.

Im Markt wird der Abgang des Teams dennoch als Zäsur wahrgenommen. Immerhin gehörte Harald Selzner dazu, Ihr Vorgänger als Managing-Partner der deutschen Praxis.

Hesse: Ich verstehe, dass von außen betrachtet der Weggang von vier Partnern Fragen aufwirft. Aber noch einmal: Mit Nikolaos Paschos und Tobias Larisch sind hier weiterhin zwei hoch angesehene und erfolgreiche Corporate-Partner tätig – plus Michael Esser, einer der führenden Kartellrechtler. Und das Büro wird wieder wachsen. Zum Jahreswechsel werden wir den Kartellrechtler Jan Höft zum Partner ernennen. Neben organischem Wachstum sind auch Quereinsteiger eine Option.

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Tobias Larisch

Welches Profil müsste ein Quereinsteiger mitbringen?

Dr. Tobias Larisch: Es müsste jemand sein, der fachliche Exzellenz mit einem Fokus auf die Beratung von Strategen kombiniert und vor allem zu unserer Strategie und Kultur passt. Wir sind aber keineswegs unter Druck. Denn die Relevanz der Abgänge wird auch dadurch relativiert, dass wir schon immer standortübergreifend arbeiten und in unseren vier Büros im Bereich Corporate mit 18 Partnern und 4 Counsel sehr stark aufgestellt sind.

Hesse: Eine große Schlagkraft, und ich bin mir sicher: Wenn wir uns im nächsten Jahr die deutsche Praxis anschauen, wird sich die Performance der Corporate-Gruppe sogar verbessert haben!

Was meinen Sie mit Performance genau?

Hesse: Ich meine es in einem umfassenden Sinn: zum Beispiel Headline-Transaktionen, Anzahl der Deals, Umsatz und hinzugewonnene Mandanten. Wir funktionieren unabhängig von einzelnen Anwälten als Team extrem gut und damit geht unsere Strategie auf.

Seit Jahren verfolgt Latham in Deutschland die Strategie, über die konzernrechtliche Dauerberatung die Beziehungen zu Entscheidern zu vertiefen, um sich für große Ausnahmemandate in Stellung zu bringen. Ist diese Strategie gescheitert?

Larisch: Im Gegenteil. Latham agiert inzwischen absolut auf Augenhöhe mit den traditionell führenden Corporate-Kanzleien.

Aber genau das Team, das für diesen Ansatz in Reinform stand und dafür vor sieben Jahren zu Ihnen kam, hat Latham nun verlassen.

Larisch: Für die Konzernberatung steht heute ein viel breiteres Team als vor sieben Jahren. Und im Übrigen gilt: Die Gleichung, dass „Brot-und-Butter-Geschäft“ irgendwann zu Bet-the-Company-Mandaten führt, funktioniert im deutschen Markt nicht mehr.

Warum?

Larisch: Das liegt an der enormen Professionalisierung der Rechtsabteilungen. Es gibt bei großen Dax- und MDax-Unternehmen keinen General Counsel mehr, der sich nur auf eine Kanzlei verlässt. Die sind als Käufer von Rechtsdienstleistungen extrem gut aufgestellt und wissen genau, wer richtig ist für Brot und Butter – und wer für High End in Frage kommt.

Das heißt also, Sie verabschieden sich von der weniger lukrativen Dauerberatung, weil sie die großen Transaktionen auch so bekommen?

Hesse: Überhaupt nicht! Wir beraten nach wie vor beispielsweise zu Hauptversammlungen, Umstrukturierungen, Squeeze-Outs oder Fragen der Business Judgement Rule. Das mag nicht immer hochprofitabel sein, aber ohne diese Arbeit hätten wir als Kanzlei nicht das glaubwürdige Skillset, das bei Beratern strategischer Corporate-Transaktionen nachgefragt wird.

Insgesamt hat man schon den Eindruck, dass Latham sich zunehmend auf Private Equity fokussiert.

Hesse: Die Realität stellt sich anders dar! Von unseren 18 Corporate-Partnern sind nahezu zwei Drittel eher in den Bereichen strategischer Corporate-Beratung und Kapitalmarkttransaktionen tätig.

Vor zwei Jahren war der deutsche Managing-Partner Corporate-Partner, der Deputy Managing Partner war ein Kartellrechtler. Nun haben beide die Kanzlei verlassen, und Sie sind die Nachfolger: ein Private-Equity- und ein Corporate-Partner. Das sieht schon nach einer Akzentverschiebung aus.

Hesse: So habe ich das noch gar nicht gesehen – und so schauen wir als Kanzlei auch nicht auf diese Rollen. Unser Global Chair Richard Trobman ist Finanzierungsexperte und Bond-Anwalt. Nach Ihrer Logik müssten wir dann eine Finance-Kanzlei sein!

Das Gespräch führte Marc Chmielewski.

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