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11.06.2019

Jura Digital: Wo bitte lern ich Legal Tech?

Kaum eine Spezies ist in der Kanzleiwelt begehrter als der junge, technikaffine Nachwuchsjurist. Ein Lehrbuch für Legal Tech gibt es noch nicht – dafür aber viele spannende Möglichkeiten, die digitale Zukunft mitzugestalten. Nicht nur Kanzleien, auch Jura-Fakultäten entdecken gerade das Thema Digitalisierung für sich.

Ravn, Leverton und Evana: Hinter diesen Fantasienamen stehen drei Legal-Tech-Anwendungen, die die Rechtsberatung revolutionieren wollen. Doch der Einsatz von künstlicher Intelligenz steckt noch in den Kinderschuhen. Warum die Rechtsberatungsbranche nicht längst viel digitaler ist? Das liegt auch daran, dass das Ausbildungsangebot in dem Bereich noch sehr überschaubar ist.

Die Unis wachen langsam auf
Immerhin haben einige Universitäten begonnen, Veranstaltungen zu Legal Tech anzubieten. An der Uni Frankfurt gibt es ‚Legal Tech für Einsteiger‘ und ein Tutorium ‚Coding for Law Students‘, die beide von dem Frankfurter Legal-Tech-Lab initiiert wurden, an der Uni Magdeburg eine Veranstaltung zu ‚Digitalisierung der Rechtswissenschaft: Studium, Examen und Beruf‘ und in Passau eine Ringvorlesung. Aktiver als die meisten Unis gehen studentische Initiativen und Vereine das Thema an. Auch in manchen Law Clinics – das sind meist an die Unis gekoppelte Einrichtungen, in denen Studenten an konkreten Fällen arbeiten und Praxiserfahrungen sammeln können – wird der Einsatz von Legal Tech geprobt. Wie alltagstauglich und hilfreich der Einsatz von Software ist, testen momentan die Studenten der Berliner Law Clinic: Sie binden das Programm Bryter ein, um mehrere Fälle gleichzeitig bearbeiten zu können. Mit Bryter lässt sich unter anderem ein Fragenkatalog für Mandanten erstellen, um Teile der Rechtsberatung zu standardisieren – das spart Zeit.

Kräftemessen beim Hackathon
Natürlich können Studenten auch in Kanzleien lernen, wie Legal Tech geht. Viele bieten schon aus eigenem Interesse Kurse an, denn schließlich sind für Kanzleien die ‚Digital Natives‘ wichtig. Vielen älteren Partnern fehlen die Berührungspunkte und die Einsicht ins Thema. Wer schon bei den Studenten anfängt, das Thema Legal Tech zu platzieren, investiert somit in die Zukunft der Sozietät. So veranstalten Kanzleien wie Hogan Lovells, Baker & McKenzie und Freshfields Bruckhaus Deringer Legal-Tech-Wettbewerbe – sogenannte Hac­kathons. Innerhalb einer vorgegebenen Zeit sollen die Studenten in kleinen Teams digitale Tools entwickeln, um juristische Pro­bleme zu lösen. Am Ende gewinnt das Team mit dem überzeugendsten Ergebnis. Doch gewinnen ist nicht alles: Es geht bei Hackathons darum, sich zu vernetzen, die Kanzlei kennenzulernen und selbstständig eine Legal-App zu entwickeln.

Legal Tech ist Associate-Sache
Wer bereits als Associate in einer Kanzlei angestellt ist, hat ebenfalls Gelegenheit, Legal Tech zu lernen. Fast jede Großkanzlei und auch einige kleinere Einheiten hat mittlerweile eine Arbeitsgruppe zum Thema. Keiner will den Anschluss verlieren. Oft sind es dann auch die jungen Anwälte, die den Ton angeben. In vielen Kanzleien ist die Entwicklung digitaler Anwendungen Associate-Sache. Programmierkenntnisse braucht man dafür nicht – nur wenige Anwälte, die mit dem Thema befasst sind, können auch selbst programmieren.

Auch abseits der Arbeitsgruppen haben junge Anwälte in Kanzleien viele Möglichkeiten: Bei Link­laters steht für alle Interessierten ‚Coding for Lawyers‘ auf dem Ausbildungsplan. Einen extra Raum für innovative Ideen gibt es seit dem Sommer 2018 mit dem Modell ‚ReInvent‘ bei Baker & McKenzie: In Frankfurt arbeiten Juristen, Technologiespezialisten und Unternehmen in einer Start-up-Umgebung gemeinsam an praxisorientierten Ideen für digitale Lösungen und Arbeitsprozesse. Ähnliche Initiativen haben Clifford Chance und Freshfields Ende des Jahres gestartet: Freshfields steigt im Technologie- und Innovationszentrum Factory Berlin ein. Clifford Chance hat eine Tochtergesellschaft gegründet, um mit Softwareanbieter Evana neue technologische Lösungen zu erarbeiten. Auch hier arbeiten junge Juristen an vorderster Front mit. Associates sind einfach die besseren Legal-Tech-Anwälte, hört man nicht selten von Partnern. Möglichkeiten und gute Chancen, etwas zu bewegen, gibt es viele. Wer sie nutzen will, muss aber Eigeninitiative zeigen, denn ein Legal-Tech-Lehrbuch gibt es noch nicht. (Helena Hauser)

Den gesamten Artikel aus dem Karrieremagazin azur lesen Sie hier.

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