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07.11.2018

Corporate: Neulinge erobern weitere Bastionen des Establishments

Die komplexen Umstrukturierungen bei Daimler, Continental, Thyssenkrupp und anderen Großkonzernen haben Konzernrechtsspezialisten wieder in den Mittelpunkt gerückt. Aber nicht alle Mandate sind bei den traditionell führenden Praxen gelandet. Im Konzernrecht zeichnet sich eine Marktverschiebung ab.

Die Projekte von E.on, RWE und Innogy, die Konzernaufspaltungen bei Daimler, Thyssenkrupp und Continental oder Ausgliederungen bei Siemens, um den Healthineers-Börsengang zu ermöglichen, waren große konzern- und gesellschaftsrechtliche Projekte des Jahres 2018. Hinzu kamen zahlreiche, von Digitalisierungsinitiativen getriebene Joint Ventures und Öffentliche Übernahmen. All dies führt dazu, dass Konzern- und Aktienrechtler, die vor einigen Jahren in internationalen Kanzleien im Vergleich zu den M&A-Anwälten als Belastung für die Profitabilität angesehen wurden, wieder hoch im Kurs stehen.

Das gilt gerade für ältere Gesellschaftsrechtler, denen es mit ihrer Glaubwürdigkeit und Erfahrung leichter fällt, das Vertrauen von Konzernvorständen und Aufsichtsräten zu gewinnen. Das gilt umso mehr, seit sich Manager der persönlichen Haftungsrisiken bewusster sind.

Doch es zeichnet sich ab, dass die marktführenden Kanzleien nun auch im nicht-transaktionsbezogenen Bereich unter Druck geraten – wie dies schon vor einigen Jahren im M&A der Fall war. Einige prominente Mandate landeten gerade nicht bei den etablierten Großpraxen Hengeler Mueller, Freshfields Bruckhaus Deringer oder Linklaters. Ein Projekt wie die Aufspaltung bei Daimler wäre vor einigen Jahren mit großer Sicherheit bei einer Kanzlei dieses Kalibers gelandet. Doch tatsächlich fiel die Wahl für die federführende gesellschaftsrechtliche Beratung auf die Düsseldorfer Boutique Glade Michel Wirtz und ein Team von Skadden Arps Slate Meagher & Flom. Latham & Watkins hat zudem bei Siemens Fuß gefasst.

Zusammengenommen werden diese Effekte dazu führen, dass in den Kanzleien wieder verstärkt über die Struktur von Gesellschaftsrechtspraxen diskutiert wird. Gesucht werden Lösungen, um ihre Corporate-Praxen den Marktgegebenheiten anzupassen. Eine Gegenüberstellung einiger führender Praxen von 2005 und 2018 zeigt dabei Marktveränderungen auf, die sich analog früher oder später auch bei anderen Kanzleien zeigen dürften.

Von der Pyramide zum Turm

Die Teams internationaler Kanzleien sind in den vergangenen Jahren zusammengeschmolzen. Linklaters und Freshfields Bruckhaus Deringer präsentieren sich heute mit einer recht ausgeglichenen Struktur. Allerdings existieren zwischen diesen beiden entscheidende Unterschiede in der Philosophie, denn Freshfields setzt stärker auf eine junge Generation hoch spezialisierter und international versierter Anwälte, die vielleicht obendrein noch Branchenspezialisierungen aufweisen. Linklaters hingegen baut auf die Wirkung besonders erfahrener und charismatischer Figuren.

Gleiss Lutz repräsentiert einen Kanzleityp, der vor einigen Jahren eine Wachstumsphase erlebte und viele neue Corporate-Partner ernannte. Inzwischen ist diese Generation dafür verantwortlich, ausreichend Mandate zu akquirieren und Umsatz einzuspielen, damit sie nicht zu einer Belastung für die kleinere Gruppe jüngerer Partner wird. Hengeler Mueller beginnt genau auf diese Situation zu reagieren. Von Wettbewerbern fast unbemerkt, hat sie vor einigen Jahren ihren Sozietätsvertrag geändert, um es älteren Partnern zu ermöglichen oder sie sogar zu ermutigen, früher aus der Partnerschaft auszuscheiden. (Aled Griffiths)

Mehr über aktuelle Entwicklungen im deutschen Corporate-Markt lesen Sie im aktuellen JUVE Handbuch Wirtschaftskanzleien 2018/19 und hier.

 

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