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29.06.2015

Schwere Vorwürfe: Flick Gocke wehrt sich gegen Windreich-Gründer Balz

Prof. Dr. Stefan Simon (45), Partner von Flick Gocke Schaumburg in Bonn, wehrt sich gegen Vorwürfe, er habe als Anwalt des insolventen Windanlagenentwicklers Windreich und dessen Gründer Willi Balz gegen die Interessen des Unternehmens gehandelt. „Flick Gocke Schaumburg nimmt diese Vorwürfe selbstverständlich ernst und ist mit einer sorgfältigen Aufarbeitung des Sachverhalts befasst“, heißt es in einer Stellungnahme. Allerdings, so die Kanzlei, entbehrten die Vorwürfe nach derzeitigem Kenntnisstand jeglicher Grundlage.

Stefan Simon

Stefan Simon

Simon soll von einem bevorstehenden Insolvenzantrag der Gläubigerbank in seiner eigenen Kanzlei erfahren haben, so einer der Vorwürfe. Das streiten er und die Kanzlei ab. Außerdem soll er sich für eine Geschäftsführerposition mit hohem Jahressalär ins Gespräch gebracht haben – laut Flick Gocke beruhte dies „ausschließlich auf der Initiative von Herrn Balz und potenziellen Investoren“. Eine operative Rolle Simons wäre dem Vernehmen nach denkbar gewesen, wurde allerdings niemals ausdiskutiert oder ausverhandelt.

Anfang Juni hatte Windreich-Insolvenzverwalter Holger Blümle von Schultze & Braun in einer knappen Presseerklärung mitgeteilt, dass Balz schwere Vorwürfe gegen seine ehemaligen Berater erhebe. Die Vorwürfe lauten auf versuchten Betrug, versuchte Untreue und Parteiverrat. Das betreffende Schreiben vom 3. Juni schickte Dr. Volker Grub von Grub Brugger & Partner an Blümle – nicht zuletzt mit der Begründung, Simon habe zum Nachteil von Windreich und deren Gläubiger gehandelt. Beobachter spekulieren deshalb, ob die Vorwürfe gegen Flick Gocke letztendlich den Verwalter Blümle treffen sollen.

Volker Grub

Volker Grub

Grub ist ein sehr erfahrener Insolvenzpraktiker. Jahrzehntelang war er im Südwesten als Verwalter in großen und aufwendigen Krisen tätig, unter anderem für die bekannte Wäschemarke Schiesser. Bereits Anfang 2014 war Grub Brugger im Windreich-Verfahren öffentlich aktiv geworden. Damals schlug die Kanzlei den Anleihegläubigern einen Kandidaten für die Wahl zum gemeinsamen Vertreter nach Schuldverschreibungsgesetz vor, der Vorschlag konnte sich nicht durchsetzen.

Safra Sarasin als Hauptgläubigerin

Flick Gocke war vor und während der laufenden Insolvenz für Windreich beziehungsweise Balz tätig. Öffentlich bekannt ist, dass der in Umstrukturierungsfragen erfahrene Konzernrechtler Simon im Oktober die Geschäftsführung der Windreich Treuhand GmbH übernahm. Diese hielt die Anteile von Balz an Windreich, solange die Insolvenz in Eigenverwaltung ablief – vermutlich eine Forderung der Gläubiger. Hauptgläubigerin ist soweit bekannt die Bank J. Safra Sarasin, die von Linklaters beraten wird. Ihre Forderungen belaufen sich auf über 70 Millionen Euro. Da Sarasin als Geldgeber gleichzeitig eigenen Kunden Windreich-Anleihen empfohlen hat, steht sie bei Anlegerschützern in der Kritik.

Windreich hatte im September 2013 beim Amtsgericht Esslingen Insolvenz angemeldet. Das Gericht billigte ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Das Unternehmen wurde also weiterhin über das Management gesteuert, aus dem sich Balz allerdings zu diesem Zeitpunkt zurückzog. Auf ihn folgte Werner Heer, branchenerfahren als früherer Vorstandsvorsitzender des inzwischen abgewickelten Windanlagenbauers Fuhrländer.

Zum Sachwalter bei Windreich bestellte das Insolvenzgericht Blümle, der mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens im Dezember 2013 schließlich zum regulären Insolvenzverwalter bestellt wurde. Der Übergang von Eigen- zu Regelverwaltung zum Zeitpunkt der Verfahrenseröffnung geschieht relativ häufig und ist per se kein Indiz dafür, dass das Management nicht vertrauenswürdig oder handlungsfähig war. Dem Vernehmen nach gelang es in dieser Phase allerdings nicht, einen schnellen Investoreneinstieg unter Dach und Fach zu bringen. Mit der Eröffnung der Insolvenz wurden auch das Thema Anleihen virulent. Die Anleihengläubiger haben Forderungen von insgesamt 125 Millionen Euro.

Arndt Geiwitz als Insolvenzverwalter für Balz‘ Privatvermögen

Über das Privatvermögen von Balz läuft seit dem Sommer 2014 ebenfalls ein Insolvenzverfahren. Als Verwalter bestellte das Esslinger Gericht dafür Arndt Geiwitz von Schneider Geiwitz & Partner.

Bereits im März 2013 hatte es Berichte über Liquiditätsprobleme bei Windreich gegeben. Damals ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Balz und andere Vorstände – die Vorwürfe lauteten auf Bilanzmanipulation, Kapitalanlagebetrug, Marktpreismanipulation, Kreditbetrug und Insolvenzverschleppung. Soweit bekannt laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart dazu noch.

Verwalter Blümle ist die Einflussnahme von Balz auf das Insolvenzverfahren vermutlich ein Dorn im Auge. So diskutierten im Juli 2014 die Gläubigerausschüsse von Windreich und der verbundenen FC Windenergy Vorschläge von Balz, die eine vollständige Befriedigung der Gläubigerforderungen versprachen. Die optimistischen „Prämissen und Prognosen“ hielten der Verwalter und die Ausschüsse für überzogen. Für das Offshoreprojekt MEG 1 fand sich nach wie vor kein Käufer. Im September 2014 bestellte Balz sich selbst wieder zum Geschäftsführer der insolventen Windreich. Als alleiniger Gesellschafter, der seine Anteile aus der Treuhand wieder zurückerhielt, konnte er diesen Schritt durchsetzen. Allerdings, so Blümle damals, handele „es sich bei der Position des Geschäftsführers um eine inhaltsleere Hülle“. Wolfgang Heer schied im Mai 2015 als Geschäftsführer aus. (Markus Lembeck)

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