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16.07.2021

Digitalisierung: Liquid Legal Institute entwickelt bei Gaia-X Cloud für den Rechtsmarkt

Mit Gaia-X gibt es in Europa eine Verfassung für eine unabhängige und offene Cloud-Infrastruktur. Wirtschaftsbereiche wie Finanzen, Gesundheit, Mobilität oder Energie setzen in Gaia-X digitale Plattformen oder sogenannte Datenräume auf. Und auch speziell für den Rechtsmarkt entsteht nun ein solches Angebot: Unter der Konsortialführung des Liquid Legal Institute (LLI) soll ein Digitales ‚Ökosystem‘ Recht (DIKE) entwickelt werden.

Die auf die ‚Common Legal Platform‘ aufbauende Idee des Münchner Liquid Legal Institute ist eine von 16 Gewinnerinnen der jüngsten Förderrunde. Insgesamt hatten sich 131 Konsortien auf die Fördermittel in Höhe von 191 Millionen Euro beworben, die das Bundeswirtschaftsministerium ausgeschrieben hatte. Ideengeber von DIKE sind Kai Jacob, Dierk Schindler und Bernhard Waltl, im vergangenen August hatten sie die Grundsätze für ihr Vorhaben einer Common Legal Platform veröffentlicht. Von ihrer Ideenskizze DIKE, die sich vor allem auf Start-ups und kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) bezieht, konnten sie die Bundesnetzagentur als Projektträger und die hochrangige Jury überzeugen.

Das vom Münchner Liquid Legal Institute angeführte Konsortium besteht aktuell aus acht Partnern, darunter auch die Kanzlei Ebner Stolz Mönning Bachem, die ihre Erfahrungen aus der Beratung zahlreicher Start-ups und KMU einbringt. Partner sind darüber hinaus die Berliner Softwareschmiede Escriba, das FZI Forschungszentrum Informatik, die Gesellschaft für Informatik, Join, NAIX Technology, STP Informationstechnologie und Unterschied & Macher.

Eine eigener Datenraum für den Rechtsmarkt

DIKE ist das erste Projekt in der sogenannten Domäne Recht in der Gaia-X-Organisation, die ihren Teilnehmern vor allem digitale Souveränität gewährleisten möchte. Zu den bereits bestehenden Bereichen, in denen digitale Plattformen oder Datenräume entstehen sollen, gehören: Industrie 4.0/KMU, Gesundheit, Finanzwesen, Öffentlicher Sektor, Geoinformationen, Smart Living, Energie, Mobilität und Agrar.

Die Netzagentur ließ sich überzeugen: In ihrer Pressemitteilung betont sie das Fehlen eines digitalen Marktplatzes für Rechtsgeschäfte mit einheitlichen und offenen Standards für die Zusammenarbeit von Kanzleien, Legal-Tech-Dienstleistern, öffentlicher Verwaltung und Gerichten. Für Unternehmen – insbesondere kleine ohne eigene Rechtsabteilung – seien Rechtsgeschäfte auch deswegen mit sehr hohen Kosten verbunden.

Die neue Gaia-X-Domäne Recht soll die digitale Transformation des Rechtsmarkts in Europa vorantreiben. Dazu gehört, dass sie virtuelle und sichere Zusammenarbeit für diejenigen gewährleistet, die Recht suchen. Sie soll aber auch dabei helfen, dass Verträge und andere Rechtsdokumente standardisiert und harmonisiert werden und der Austausch von Daten in der Cloud möglich wird.

„Unter Berücksichtigung der Gaia-X-Prinzipien, und mit Unterstützung der Gaia-X-Plattform, wird DIKE neue Akzente für den Legal-Tech-Markt in seiner gesamten Breite setzen“, kommentieren die DIKE-Gründer den Erfolg ihres Projektes.

Souveräne Cloud-Infrastruktur für Europa

Das Interesse der deutschen Wirtschaft an einer Plattform wie Gaia-X ist groß. Im Juni 2020 präsentierte Wirtschaftsminister Peter Altmeier gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Bruno Le Maire das Konzept. Kurze Zeit später entstand die Gesellschaft, die die Gaia-X-Prinzipien Souveränität, Datenverfügbarkeit, Interoperabilität, Portabilität, Transparenz und faire Teilhabe im Namen ihrer Anwender durchsetzen will. Zu ihrer Gründung beriet unter anderem Fieldfisher-Partner Oliver Süme.

Mittlerweile entstehen durch Förderwettbewerbe mehr und mehr Industrienetzwerke, die die Gaia-X-Plattform nutzen. In der Domäne Mobilität gewann gemeinsam mit dem DIKE-Konsortium ein KI-Projekt unter der Führung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt beraten von einem Team von der Kanzlei Reusch unter Leitung von Philipp Reusch. Vor einigen Wochen wurde bekannt, dass die europäische Automobilwirtschaft im Gaia-X-Datenraum Mobilität eine Allianz namens Catena-X gebildet hat, um sich enger zu vernetzen und einen unternehmensübergreifenden Austausch von Daten über die Lieferketten zu ermöglichen. Beraten wurden die Hersteller und Zulieferer dabei von einem Hogan Lovells-Team aus München um die Partner Peter Huber und Dr. Patrick Ayad.

Aber auch internationale Wirtschaftskanzleien, die mit den Cloud-Diensten kommerzieller Anbieter standesrechtliche Probleme haben, schauen sich nach JUVE-Informationen die mit Gaia-X entstehenden Möglichkeiten an, ihre Aktivitäten in die Cloud zu verlagern. (Martin Ströder)

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