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15.10.2020

AvP-Insolvenz: Noventi übernimmt mit BRL das Krankenhausapotheken-Geschäft

Beim insolventen Abrechnungsdienstleister AvP geht es ein deutliches Stück voran: Das Münchner Unternehmen Noventi Health übernimmt mit Zustimmung des vorläufigen Gläubigerausschusses der AvP zum November das Abrechnungsgeschäft mit den Krankenhausapotheken.

Katharina Gerdes

Katharina Gerdes

Noventi erwirbt damit den Teil des insolventen Dienstleisters AvP, der sich um die Zahlungsabwicklung mit rund 300 Klinikapotheken kümmert. Dabei geht es um Rezeptvolumen von rund drei Milliarden Euro, teilte Noventi mit. Sie sichere damit den Betrieb von 50 Prozent aller Apotheken der Krankenhäuser Deutschlands.

Noventi hatte, nachdem die Insolvenz der AvP Mitte September bekannt wurde, schon einen 250 Millionen Euro schweren Hilfsfonds bereitgestellt, um den inhabergeführten Vor-Ort-Apotheken unter die Arme zu greifen.

Weitere Baustellen im Insolvenzverfahren

Die AvP-Insolvenz bereitet aktuell vielen Apothekern massive Probleme. Bis zu 3.500 Apotheken waren AvP-Kunden. In Rechenzentren hatte AvP das Zahlungsgeschäft der Apotheken mit den Krankenkassen abgewickelt. Einer Schätzung zufolge schuldet der Abrechner den Apotheken im Durchschnitt 120.000 Euro. In Einzelfällen sollen Apotheker sogar auf mehr als eine Millionen Euro Umsatz warten.

Nach der AOK Rheinland und Hamburg sowie der Techniker Krankenkasse haben auch fünf weitere Krankenkassen Unterstützung für in Not geratene Apotheker angekündigt. Barmer,  DAK-Gesundheit, Kaufmännische Krankenkasse, Handelskrankenkasse und die Hanseatische Krankenkasse teilten am Montag mit, sie hätten eine entsprechende Vereinbarung mit dem Deutschen Apotheker Verband (DAV) abgeschlossen. Die Ersatzkassen kündigten Abschlagszahlungen an, um die Liquidität vor Ort aufrecht zu erhalten.

Auch die Landesverbände machen Druck

Parallel zu den Abverkäufen im Insolvenz- und Gläubigerverfahren finden nach JUVE-Informationen direkte Gespräche zwischen dem Insolvenzverwalter und den Landes-Branchenverbänden der Apotheken statt, beispielsweise dem Apothekerverband Nordrhein. Hier soll geklärt werden, wem die Rezepte und somit auch ihr Wert gehören – dem AvP oder den Apotheken? In ersterem Fall gehörten sie zur Insolvenzmasse, im anderen Fall unterlägen sie möglicherweise dem Aussonderungsrecht. Insbesondere noch nicht abgerechnete Rezepte müssten dann den betroffenen Apotheken wieder zur Verfügung gestellt werden, da die meisten Apotheken nur eine bedingte Forderungsabtretung vereinbart hätten, schreibt die ,Deutsche Apotheker Zeitung‘.

Zur abgeschlossenen Transaktion

Berater Noventi
BRL Boege Rohde Luebbehuesen (Hamburg): Katharina Gerdes (M&A), Stefan Denkhaus (Insolvenzrecht; beide Federführung), Dominik Demisch (Insolvenzrecht/M&A), Alexander Oberreit (Arbeitsrecht), Victor Freiherr von dem Bussche (Steuerrecht), Andrea Ringle (IT)
D+B Rechtsanwälte (Berlin): Dr. Ulrich Grau (Vergaberecht) − aus dem Markt bekannt

Jan-Philipp Hoos

Jan-Philipp Hoos

Insolvenzverwalter
White & Case (Düsseldorf): Dr. Jan-Philipp Hoos (Insolvenzverwalter), Dr. Daniel Schwartz (Insolvenzrecht/Restrukturierung), Dr. Stefan Stütze, Dr. Hendrik Roeger  (beide Arbeitsrecht); Associates: Dr. Moritz Kriegs, Johannes Martini (beide Insolvenzrecht/Restrukturierung)

Berater AvP Service
Heuking Kühn Lüer Wojtek: Dr. Johan Schneider (Federführung), David Loszynski  (beide Insolvenzrecht), Dr. Martin Schellenberg (Vergaberecht), Dr. Markus Wulf (IT-Recht/Datenschutzrecht)

Weitere Verhandlungen mit der Insolvenzverwaltung

Berater Apothekerverband Nordrhein
Glade Michel Wirtz (Düsseldorf): Dr. Jochen Markgraf; Associate: Fabian von Lübken (beide Corporate)

Berater Landesapothekerverbände 
Weiland Rechtsanwälte (Hamburg): Dr. Nils Weiland, Dr. Thilo Streck

Johan Schneider

Johan Schneider

Hintergrund: AvP hatte im September mithilfe eines Teams von Heuking Insolvenz beantragt. Der Kontakt kam über das Compliance-Team um Partner Dr. André-Marcel Szesny zustande und mündete nun primär in die Verkaufsverhandlungen, die der Hamburger Partner Schneider übernahm. Der Insolvenzspezialist, der seit 2018 dem Management-Gremium der Kanzlei angehört, ist regelmäßig im restrukturierungsnahen Umfeld tätig.

White & Case-Partner Hoos, der vom Amtsgericht Düsseldorf zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt wurde, hatte zunächst die Gelder der Apotheken einfrieren lassen müssen, bis er sich einen Überblick über die Lage verschaffen konnte. Den Zahlungsfluss für die Krankenhausapotheken hatte er davon abgekoppelt über eine Treuhandkonstruktion geführt und konnte daher nun auch zügig einen Verkauf für diese große Gläubigergruppe aushandeln.

Neben einem White & Case-Team ist für die AvP auch die Unternehmensberatung WMC Healthcare eingebunden, die Federführung dort liegt bei dem Krankenhaus-Sanierungsexperten Dr. Reinhard Wichels.

Nach JUVE-Informationen setzte sich Noventi Health in einem Bieterverfahren mit Unterstützung von BRL als Käuferin durch. Die Verhandlungsführung lag dem Vernehmen nach vor allem bei dem erfahrenen Insolvenzrechtler Denkhaus und der M&A-Expertin Gerdes. Diese war im März 2017 vom Frankfurter Büro von P+P Pöllath + Partners als Partnerin ins Hamburger Büro von BRL gewechselt, um dort die Restrukturierungs- und Sanierungsberatung zu unterstützen.

Glade Michel Wirtz berät den Apothekerverband Nordrhein nach JUVE-Informationen schon länger gesellschaftsrechtlich und wurde unmittelbar für die insolvenzrechtliche Beratung mandatiert, als die Turbulenzen rund um den Dienstleister AvP bekannt wurden. 

Die Hamburger Sozietät Weiland ist gleich für zehn Landesapothekerverbände im Einsatz. Die Mandatsbeziehung kam nach der Insolvenzantragstellung der AvP aufgrund einer  Empfehlung zustande. (Sonja Behrens; mit Material von dpa)

Wir haben den Artikel nachträglich ergänzt

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