GLEISS LUTZ

Nationaler Überblick Top 50★★★★☆

Bewertung: Heimlich, still u. leise hatte Gleiss Lutz zuletzt weiter an ihrer Struktur gefeilt – die Auswirkungen riefen nun am Markt ein großes Echo hervor: Die Kanzlei zeigte nicht nur Präsenz bei einer ganzen Reihe großvolumiger Deals u. untermauerte eindrucksvoll ihre Position innerhalb der erweiterten Marktspitze, sondern beeindruckte ihre Wettbewerber v.a. damit, dass sie dabei so oft wie noch nie in der Finanzbranche unterwegs war.
Dieses Gebiet hatte sie in den vergangenen Jahren gezielt personell ausgebaut u. sich eine bessere Branchenvernetzung ihrer Anwälte auf die Fahnen geschrieben. Jetzt zeigt sich, dass ihr Plan aufgeht. Vorzeigemandate waren beispielsweise mehrere Zukäufe für Bawag u. die Begleitung eines jap. Investors beim DWS-Börsengang.
Es war zudem die erklärte Strategie von GL, sich zu einer der renommiertesten Einheiten bei Compliance-Untersuchungen u. der krisennahen Beratung zu etablieren. Auch das ist eindrucksvoll gelungen: Getrieben von einem mittlerweile äußerst schlagkräftigen Gesellschaftsrechtsteam nutzte sie die Beratung der Aufsichtsräte von Audi u. VW als Katalysator für weitere Großmandate. So vertrauen auch die Vorstände von Bilfinger u. der Deutschen Postbank auf das Team um den renommierten Partner Prof. Dr. Michael Arnold. Zudem ist sie bei einer Fülle ihrer Industriemandanten bei Compliance-Untersuchungen mittendrin. Möglich ist dies nur, weil die starken Einzelpraxen wie Arbeits- oder Gesellschaftsrecht mittlerweile reibungslos zusammenarbeiten u. sich auch ein internat. Netzwerk aus Kooperationskanzleien etabliert hat, das GL zuletzt beispielsweise für die mit Korruptionsvorwürfen konfrontierten Mandantin Atlas nutzte. Treiber bei all dem ist insbesondere die jüngere Partnergeneration, die das Management um Arnold u. Dr. Alexander Schwarz bei seinem Kurs unterstützt.
Als nächstes dürfte das Öffentliche Recht ihren Fokus rücken. Ein zentrales Rechtsgebiet der Kanzlei, das bislang intern allerdings deutlich weniger vernetzt war als andere Praxen. Doch nach dem Ausscheiden von Prof. Dr. Christoph Moench u. Prof. Dr. Marcus Dannecker Anfang des Jahres, haben neben Dr. Burghard Hildebrandt auch die jungen Partner nun mehr Spielraum für integriertes Arbeiten. Während sich durch die Abgänge im Öffentlichen Recht auch Chancen bieten, drohen andernorts Lücken: Mit Dr. Jan Bauer verließ einer der visibelsten Private-Equity-Partner GL in Richtung Skadden. Der Abgang hat für Aufhorchen im Markt gesorgt – zumal hier wieder ein renommierter Partner einer europäischen Kanzlei dem Ruf eines zahlungskräftigen US-Wettbewerbers gefolgt ist.
Eine ernst zu nehmende Baustelle bleibt daneben das Hamburger Büro: Obwohl das Management hier zuletzt erneut personelles Wachstum als Ziel bekräftigt hat, gelingt GL im Norden nicht der entsprechende Ausbau – der aber notwendig wäre, um die örtliche starke Konkurrenz herauszufordern. Das Büro aus ehem. Rittstieg-Anwälten u. Eigengewächsen wuchs nie wirklich zusammen, zuletzt machten Gerüchte über weitere personelle Abgänge im Markt die Runde.
JUVE Kanzlei des Jahres in: Compliance.
Siehe auch: Berlin; Düsseldorf; Frankfurt; Hamburg; Stuttgart; München; Brüssel.
Anwälte in Deutschland: 261
Internat. Einbindung: Unabhängige Kanzlei mit engen Kooperationsbeziehungen zu Chiomenti (Italien), Gide Loyrette Nouel (Frankreich) u. Cuatrecasas (Spanien/Portugal). Außerdem Zusammenarbeit in GB, u.a. mit Macfarlanes, in NL mit Stibbe. In den USA breites Netzwerk, u.a. mit Paul Weiss, Cravath Swaine & Moore, Simpson Thacher & Bartlett u. Fenwick & West. Zudem gute Beziehungen zu asiat., insbes. chinesischen Kanzleien.
Entwicklung: Dass ein Modernisierungskurs wie der, den die Kanzlei nun auch im Öffentlichen Recht ansteuert, auch Abgänge mit sich bringt, dürfte Gleiss Lutz einkalkuliert haben. Auch Wettbewerber haben schon gezeigt, dass es möglich ist, daraus gestärkt hervorzugehen. Allerdings bedarf es einer klaren Strategie u. strukturierten Vorgehensweise, die verhindert, dass auch Partner gehen, die zentraler Bestandteil der zukünftigen Aufstellung sind.
Eine mindestens ebenso große Herausforderung für die Managing-Partner wartet in Hamburg. Dass die Kanzlei ihre Wachstumspläne nicht verwirklichen kann bzw. dass evtl. sogar weitere Partnerabgänge bevorstehen, lässt GL weit hinter den Möglichkeiten zurückbleiben, die sich ihr in der Hansestadt bieten würden. Will sie, nicht zuletzt aus Recruiting-Gründen, an dem Standort langfristig festhalten, wäre eine Neuauflage des Düsseldorfer Erfolgsmodells auch für Hamburg eine Möglichkeit, Ruhe in das Büro zu bringen: junge, dynamische Eigengewächse aus anderen Standorten ansiedeln, die in der Kanzlei gut vernetzt sind und v.a. zur Teamkonstellation vor Ort passen.
Ruhe ist auch deshalb vonnöten, weil die US-Wettbewerber nicht müde werden, den deutschen Markt durch erfolgreiches Abwerben aufzumischen. Um nicht weitere Abgänge vom Schlage Bauers hinnehmen zu müssen, muss es gelingen, eigenen, hochkarätigen Nachwuchs herauszubilden u. zu halten. Hier zeigte sich zuletzt jedoch eine weitere Baustelle. Die zunehmende Einbindung von jungen Associates in Mandate wie für Audi u. VW hat bereits zu Unzufriedenheit geführt. Die Associates bemängeln den fehlenden Ausbildungsaspekt in solcherlei Mandaten. Eine noch stärkere Präsenz der Kanzlei in großvolumigen Compliance-Mandaten mit viel Standardarbeit für Associates ist jedoch erklärtes Ziel der Kanzlei. Will Gleiss Lutz hier weiter die besten Bewerber an Land ziehen, muss sie diese nicht nur mit namhaften Mandanten locken, sondern glaubhaft verstärkt das Augenmerk auf ihre Ausbildung richten. Mit der Gleiss Lutz-Akademie hat sie hier bereits beste Voraussetzungen.
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